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Ein alter Freund?

Juli 2024

60 Jahre

Mein alter Freund Axel ist am 27.1.1964 geboren, im gleichen Jahr wie ich und viele, viele andere auch. Dieses Jahr ist er also 60 geworden, und feiert seinen runden Geburtstag heute, am 20.Juli zusammen mit seiner Partnerin Sabine nach. Eigentlich wollte ich im Januar bei ihm vorbeischauen, wie wir es halt in den 80igern und frühen 90igern getan haben, aber es blieb beim Telefonieren.

Heute habe ich mich also auf den Weg gemacht. Das Auto hab ich im Parkhaus unter dem Frankfurter Hbf abgestellt und bin völlig entspannt mit der Deutschen Bahn nach Stuttgart gefahren. Die Strecke bin ich zum ersten Mal mit dem Zug gefahren, aber es lief tadelos. Darmstadt, an der Bergstrasse vorbei, Weinheim und Heidelberg, alles alte Bekannte.

Bei der Einfahrt in die "Landeshauptstadt Stuttgart" fährt der Zug ein Stück neben der Bundesstrasse B10, die von der Autobahn in die City hinein führt. In Feuerbach endet die Bundesstrasse und geht in die Strassen der Stadt über. Der anschliessende Stau ergiesst sich täglich in die Heilbronner Strasse bis zum Pragsattel, und meistens noch weiter. Oft genug habe ich in diesem Stau gestanden. Diesmal konnte ich ihn mir von der Seite angesehen.

Stuttgart 21

Der neue Bahnhof "Stuttgart 21" ist noch weit von der Vollendung entfernt, und so ist die Einfahrt in den Kopfbahnhof immer noch die gleiche wie jeher.

Beim Aussteigen jedoch merkt man sehr deutlich, das man an einer Baustelle ausgestiegen ist. Der Bednarzbau ist halbiert, verstümmelt, überall provisorische Abgrenzungen und sehr seltsame Wegeführungen. Dort wo die Gleise aufhörten war früher eine große, repräsentative, hohe, und über die ganze Breite der Gleise ragende Halle. Da gab es einzelne Kioske und Geschäfte, wie den unvermeidlichen "Wienerwald". Es war eine echte "Eintrittssituation". Heute sind da Bauzäune und ein großes Loch.

"Was haben Sie Dir angetan, alter Freund?" schoß es mir durch den Kopf - ein Gedanke von dem ich selbst überrascht war. Ich hörte mich das sogar murmeln. Wie komme ich dazu einen Bahnhof als "alten Freund" zu betiteln? Nun, wird seine Gründe haben ...

September 1983 

Im September 1983 brachte mich mein Vater an den Bahnhof von Friedrichshafen, und ich fuhr zum Studium nach Stuttgart. Angekommen bin ich just an diesem Bahnhof. Genau wieviele andere Menschen auch. Man kam in der Fremde am Bahnhof an. Der Bahnhof war der erste "Touchpoint" wie man neudeutsch sagt, man erschloß sich die Stadt Strassenzug für Strassenzug immer vom Bahnhof aus.

In der damaligen Zeit war er für viele Fremde aber auch ein Treffpunkt und die Verbindung zur Heimat, den Eltern, nach Hause - täglich kam ein Zug aus Spanien, Italien, Griechenland oder der Türkei an, oder fuhr ab. Diese Funktion haben Bahnhöfe heute nicht mehr. Man kommt meist mit dem Flugzeug an, Internet und Mobiltelefone lassen einen das Zuhause nie missen.

Mehr als Gleise in die Ferne

Nach einiger Zeit trat das in den Hintergrund - der Bahnhof wurde der Ort an dem Freunde und Familie ankamen, oder abfuhren. Ich hatte direkt neben dem Nordtrakt des Bednarzbau "meinen" Kurzzeitparkplatz - 2 Mark und man hatte 25 m bis zu den Gleisen. Ein Parkplatz war da meist zu kriegen.Es gab einfach weniger Autos und zudem war der Schwabe wirklich sprichwörtlich sparsam - er zahlte für sowas nur ungern.

Daneben war der Hauptbahnhof der erste und einzige "Späti" - in den Zeiten als der Ladenschluß um 18:00 war, war der Bahnhof die eine Oase in der Wüste.

Und dann gab es den internationalen Zeitschriftenladen, am oberen Ende des Treppenaufgangs. Wie oft stand ich davor oder drin - und schaute ob das neueste GPI da ist.

Eine der letzten Erinnerung an den Bahnhof war eine "Performance" mit Tanz und Trommeln im Seitenflügel des Bednarzbaus. Myro war ein paar Monate alt, lag im Kinderwagen, und es war der untaugliche Versuch junger Eltern ein Leben fortzuführen, das es so nicht mehr geben würde.

Als Abschieds- und Ankunftsort traten die Flughäfen in den Vordergrund, die Läden sind geöffnet bis weit über die Schmerzgrenze hinaus, mit seinen Sehnsuchtsorten ist man immer onlineverbunden, auch Magazine gibt es online und jeder 18-jährige braucht und hat heute ein eigenes Auto. Bahnhöfe sind für meine Kinder, nicht das was sie für mich waren.

Ein alter Freund?

Was ist es also das mich den Stuttgarter Bahnhof als "alten Freund" sehen lässt? Die Funktionen der er nicht mehr innehat? Die Emotionen und Erinnerungen?

Nun, solche Plätze und Gebäude verbinden einen mit seinem jüngeren Alter Ego, mit Erinnerungen und Stationen der eigenen Vita- und ist es nicht genau das was alte Freund auch tun?

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