Die Grüne Wolke

Kapitel Eins - Teil 2 von A.S. Neil

« Unsere augenblickliche Flughöhe beträgt etwa drei Komma zwo Kilometer», sagte er dann. «Und wenn Robert ein richtiges Abenteuer haben will, braucht er nur auszusteigen und mit dem Fallschirm nach Summerhill hinunterzusegeln.»
Robert starrte in die Tiefe. «Huiii. Und wenn er sich nicht öffnet?»
«Du würdest überhaupt nichts spüren», sagte David gelassen. «Nur ein Bums ... Ich möchte bloß wissen, ob sich deine Beine in den Boden bohren, wenn du mit den Füßen zuerst aufprallst.»
«Wahrscheinlich schon ein bisschen», meinte Gordon nachdenklich. «Aber bestimmt bohren sich deine Oberschenkelknochen durch den ganzen Körper und kommen am Hals heraus.»
«Aufhören!», schrie Jean kläglich. «Es ist gemein, so zu reden, wenn man so hoch in der Luft ist.»
Dann zog ein grimmiges Lächeln über ihr Gesicht. «Trotzdem wäre es ganz interessant, wenn man wüsste, wie Robert aussieht, wenn er ein paar Kilometer gefallen ist.»
Sie blickte suchend in der Kabine umher. «Wo sind die Fallschirme, Pyecraft?»
Pyecraft erbleichte. «Mon Dieu!», rief er. «Dieser Idiot von Chauffeur hat vergessen, sie an Bord zu schaffen.»

Alle erbleichten, bis auf Neill, der nicht mehr bleicher werden konnte. «Aber es besteht überhaupt keine Gefahr», sagte Pyecraft, «nicht die geringste. Das heißt, wenn die Luft nicht so dünn wird, dass sie dünner wird als das Helium in unserem Ballon. Denn dann platzt natürlich der Ballon, und ...»
«Und was?», fragten sie atemlos. «Wenn ich aufklatsche, gibt es ein größeres Loch als bei euch», sagte Pyecraft grinsend, und sein Grinsen gab den Kindern wieder Mut. «Unsere Höhe beträgt jetzt sechzehn Kilometer», sagte Neill und setzte seine Sauerstoffmaske auf. Die anderen folgten seinem Beispiel. Plötzlich schrie Evelyn, die nach unten geblickt hatte, auf. «Kuckt mal, die Wolken da unter uns sind ganz grün. Ich dachte immer, von oben wären sie blitzweiß.»
«Äußerst merkwürdig», sagte Pyecraft. «Fata Morgana», sagte Bunny. «So, wie man in der Wüste manchmal Oasen und Palmen und so sieht.»
«Quatsch», sagte Neill. «Das ist keine Fata Morgana. Das ist – ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass wir jetzt hoch genug sind und ich wieder hinunterwill.»
Pyecraft blickte auf den Höhenmesser. «Siebenundzwanzig Komma eins Kilometer», sagte er. «Nicht übel. Ich wollte eigentlich auf fünfzig kommen, aber heute können wir das ohne Fallschirme nicht riskieren. Also gehen wir runter.»

Er betätigte einen Hebel, und sie verloren rasch an Höhe. «Da! Jetzt sind die Wolken wieder weiß», rief Jean, als sie sich ihnen näherten, und im nächsten Augenblick waren sie in dichten weißen Wolken. Eine Stunde später landeten sie auf dem Hockeyplatz. «Gerade rechtzeitig zum Tee», rief Bunny und spurtete zum Speisesaal hinüber. Die anderen Kinder rannten hinterher, während die beiden alten Männer ihnen langsam folgten. Corkhill, der Chemielehrer, stand an die Eingangstür gelehnt. «Hallo, Corks», sagte David. «Gibt's noch Tee?»

Corks reagierte nicht. Ihm war nicht anzumerken, ob er die Frage überhaupt gehört hatte.

«Gibt es noch Tee?», wiederholte David und packte Corks ungeduldig am Arm. Der Arm brach ab. David hatte ihn in der Hand und ließ ihn kreischend fallen. In diesem Augenblick kamen Pyecraft und Neill hinzu. Entgeistert blieben sie stehen. Neill nahm Corks bei der Schulter und schüttelte ihn ein wenig. «Was ist los, Corks?», fragte er. Corks' Kopf rollte in den Kies. Daraufhin rannten sie alle wild davon wie verschreckte Kaninchen und verkrochen sich im Gebüsch. Gordon sagte: «Habt ihr bemerkt, dass er gar nicht blutete? Der Arm sah aus wie blanker Stein.»
«Gestern bat er mich um sein Gehalt und sagte, er sei blank», sagte Neill. «Corks war eigentlich immer ...»
Neill wollte noch etwas sagen, ließ es aber, als er Evelyns wütende Miene bemerkte. «Der arme Corks ist tot, und du machst hier Witze», sagte sie. «Was sollen wir hier noch?», sagte Robert. «Corks oder nicht, ich habe Hunger. Wer kommt mit?»
Und er startete zur Küche. Die anderen trabten hinterher. Maisie (die Köchin) stand über den Herd gebeugt. «Tee», sagte Robert. «Was ist eigentlich mit Corks passiert?»
Maisie gab keine Antwort. David bückte sich und zog sie aus Spaß am Fuß. Schon hatte er den Fuß in der Hand. Die Mädchen kreischten, die Jungens brüllten, Neill und Pyecraft ließen sich schwer auf einen Stuhl sinken – auf ein und denselben Stuhl, was sich sehr nachteilig für Neill auswirkte, der sich zuerst gesetzt hatte.

«Was hat das alles zu bedeuten?», ächzte Bunny. «Vielleicht gibt es noch mehr», meinte David hoffnungfroh. Die Kinder stürmten durch die Schule. Ja, alle waren zu Stein geworden. «Wie schrecklich», kicherte Betty, «aber komisch ist es auch. Seht euch den alten Chad an.»
Der sah wirklich hübsch aus. Er hatte auf dem Golfplatz trainiert, und dort stand er nun mit durchgezogenem Schläger – eine bärtige Statue. «Bildschön», sagte Pyecraft. «Furchtbar», sagte Neill. «Unmögliche Armhaltung.»
Die Suche nach Statuen wurde fortgesetzt. Davis stellte, wie erwartet, den «Ruhenden» dar; Ole Herman, und auch das überraschte sie nicht, war beim Essen; gerade als er sich ein riesiges Stück Brot in den Mund schob, war er versteinert. Michael rettete das Brot. «Aber warum sind wir nicht auch zu Stein geworden?», fragte Jean plötzlich. Niemand wusste es. «Ich weiß», sagte David. «Die grüne Wolke. Es muss eine Wolke gewesen sein, die jeden in Stein verwandelt hat.»

«Klingt einleuchtend», nickte Pyecraft. «Augenblick mal!» Er deutete auf eine Katze, die eben um die Ecke kam. «Hier erhebt sich nur die Frage, warum die Katze nicht auch zu einer Statue geworden ist, wenn diese Wolke versteinernde Eigenschaften hatte.» «Und ich höre einen Hahn krähen», sagte Robert. «Was meinst du, Neill?»
Neill machte ein weises Gesicht. «Ich glaube, David hat recht. Wir waren über der Wolke, und wahrscheinlich sind wir jetzt die letzten lebenden Menschen auf der Erde. Offenbar hatte die Wolke also keinen Einfluss auf Tiere.»
«Wie gut», bemerkte Betty. «Sonst müssten wir verhunger. Die letzten lebenden Menschen auf der Erde. Schrecklich.»
«Herrlich!», sagte Evelyn. «Jetzt können wir uns alles, was wir wollen, aus den Läden holen.»
«Jawohl», rief Michael, «und die ganzen Autos und Flugzeuge und – und – Mensch, was'n Ding! Das ist ja ganz einsame Sahne ist das. Ich gehe gleich mal zu Coates.»
Sie machten sich auf den Weg zu Coates Laden, und, also ...

FORTSETZUNG FOLGT IN KÜRZE

Kommentar

Ich zündete mir meine Pfeife an. «Eine gute Geschichte», sagte Bunny. «Dein Glück, Neill.»
David runzelte die Stirn. «Du hast sie natürlich alle zu Stein werden lassen, damit sie nicht stinken, nicht wahr?»
Ich nickte, und er fuhr fort: «Keine schlechte Idee, abercdoof.»
«Wieso doof?», fragte ich. «Weil so eine Wolke doch auch Tiere versteinern würde.»
«David hat recht», sagte Michael. «Mir wäre eine Geschichte lieber, die auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus richtig ist.»
«Aber sie ist ja vom wissenschaftlichen Standpunkt aus richtig», sagte ich. «Wieso?»
«Eine Wolke könnte Menschen durchaus etwas antun, ohne den Tieren etwas anzuhaben.»
«Wieso?»
«Nun», begann ich, «äh – es ist nämlich so – äh –»
«Keinen Schimmer hat der Mann», sagte Michael. «Selber keinen Schimmer», sagte ich. «Denk an Masern. Kriegen Katzen Masern? Kriegen Kaninchen Kinderlähmung? Schon mal'ne Kuh mit Ziegenpeter gesehen? Wenn Tiere nicht von menschlichen Krankheiten befallen werden, warum sollte eine menschliche Wolke sie befallen?»
«Aber es war ja gar keine Wolke da», sagte Evelyn. «Okay», sagte ich unerschüttert, «wenn keine Wolke da war, dann gibt's auch keine Geschichte.»
Gordon grinste. «Neill ist ja nur sauer, weil wir seine Geschichte kritisieren», sagte er. «Wir wollen mal nicht so sein und ihm die Wolke durchgehen lassen.»
«Eine wissenschaftlich einwandfreie arische Vollblutwolke», bat ich mir aus. Die Summerhill-Kinder nickten zustimmend, und ich versprach, die Geschichte am nächsten Sonntagabend fortzusetzen.