Kapitel Eins - Teil 1 von A.S. Neil
Alle Gestalten in dieser Geschichte, außer den Summerhillianern, sind frei erfunden und haben kein Vorbild in lebenden Personen.
Schuld an dieser Geschichte ist ein Sonntagabendgespräch. «Heute Abend fällt mir keine Geschichte ein», sagte ich. «Meine Phantasie ist eingetrocknet.»
Es war ein wunderschöner Sommermorgen, und Neill hatte seine Unterrichtsstunden auf den Tennisplatz verlegt. Jean pikte ihm ihren Bleistift in die Rippen. Davon wachte er auf.
«Telegramm für dich», sagte sie. Neill nahm es dem rotbackigen Telegrammboten aus der Hand.
«Keine Rückantwort», sagte Neill abwesend, nachdem er das Telegramm noch einmal gelesen hatte. Dann sah er auf seine Uhr. «Himmel, er muss jeden Augenblick hier eintref fen», rief er aufgeregt.
«Wer?», fragte Gordon.
«Pyecraft», sagte Neill. «Er kommt mit seinem neuesten Luftschiff. Still! Ich höre das Brummen der Motoren.»
«Sicher 'ne Hummel», meinte David mürrisch. Und es war auch eine Hummel. Aber zehn Minuten später kam ein silbernes Luftschiff in Sicht und landete sanft auf dem Hockeyplatz wie ein Schwan auf einem See.
Alle rannten darauf zu. Der dicke Pyecraft öffnete die enge Tür, und die Kinder halfen ihm, sich herauszuzwängen.
«Tadellos!», rief er. «Hallo, Neill, alter Knabe. Hallo, Kinder.»
Er sah sie prüfend an. «Eine neue Generation, wie ich sehe, aber sicher mit genauso viel Flausen im Kopf wie die vorige.»
«Warum sind Sie hergekommen?», fragte Neill. «Was führt Sie zu uns?»
«Verschiedenes», sagte Pyecraft. «Ich habe es satt, immer nur Geld zu verdienen. Ich will Abenteuer erleben.»
«Kannibalen», sagte Evelyn träumerisch.
Pyecraft schüttelte den Kopf.
«Nein, dafür sind Neill und ich jetzt schon zu alt», sagte
er traurig. «Wir haben nicht mehr den nötigen Schneid. Wir beide sind alt und grau.»
«Aber Sie haben doch gesagt, dass Sie Abenteuer erleben wollen», sagte Robert vorwurfsvoll. «Gibt es denn überhaupt Abenteuer ohne Kannibalen und Piraten?»
«Oh, es gibt noch viele andere Abenteuer», sagte Pyecraft. «Wissenschaftliche zum Beispiel. Ich habe mir dieses Luft schiff extra dafür bauen lassen. Es hat mich Millionen Dollar gekostet. Ich will damit sämtliche Höhenrekorde brechen.»
«Sämtliche was?», fragte Bunny.
«Ich will höher hinauf als irgendeiner vor mir», erklärte Pyecraft. «Der Höhenrekord liegt jetzt bei sechzehn Kilo metern. Ich will ihn brechen.»
«Aber warum haben Sie das nicht in Amerika getan?», fragte Betty.
«Weil ich wusste, dass mein alter Freund Neill und die Kinder hier mir gern dabei helfen würden», sagte Pyecraft. Die Kinder kreischten vor Freude. Neill lächelte gequält.
«Sehr nett von Ihnen, dass Sie an uns gedacht haben, Pyecraft», sagte er. «Aber ich für mein Teil ... Ich fürchte, ich kann nicht mitkommen. Ich bin heute Nachmittag mit Watson zum Golf verabredet, und außerdem will ich unbedingt
den Film mit den Marx Brothers sehen und ...»
«Feigling», murmelte Evelyn empört.
«Hoffnungsloser Feigling», sagte David. «Aber eigentlich brauchen wir ihn gar nicht. Was meinst du, Michael?»
Michael kratzte sich am Kopf.
«Stimmt. Aber wer liest dann die mathematischen Instrumente ab, wenn Neill nicht mitkommt?»
«Und wer liest sie ab, wenn er mitkommt?», fragte Betty zuckersüß.
«Pyecraft wird doch wohl noch seine eigenen Instrumente ablesen können», sagte Neill aufgebracht. «Außerdem gibt es noch einen weiteren Grund, weshalb ich nicht mitkommen kann. Mir fällt nämlich gerade ein, dass sich für heute Nachmittag
der Mann vom Finanzamt angesagt hat.»
«Dann ist ja alles klar», grinste Pyecraft. «Kommen Sie schon. Ich verspreche Ihnen, dass wir erst wieder runterkommen, wenn er weg ist.»
Und mit sanfter Gewalt schob er Neill ins Luftschiff. Die Kinder kletterten hinterher.
Und schließlich zwängte sich auch Pyecraft ächzend und stöhnend hinein. Als er wieder zu Atem gekommen war, erklärte er den Flug.
«Jeder von euch hat eine Sauerstoffmaske. Wir steigen und steigen, und wenn euch der Atem knapp wird und ihr rot im Gesicht werdet, dann bedeutet das, dass die Luft zu dünn zum Atmen ist. Dann müsst ihr eure Masken aufsetzen, und wie
ihr sehen werdet, hat jede Maske ein Mikrophon, sodass wir auch noch in sehr großer Höhe miteinander sprechen können. Alles klar?»
Alle nickten.
«Ein großes Abenteuer», sagte Pyecraft.
«Ganz schön schwach», sagte Robert. «Typisches Altmännerabenteuer.»
Neill warf ihm einen langen Blick zu.