Kreativ und phantasievoll ist meine Mutter, die Aufzeichnung ihrer Erinnerungen ist es auch. Über den Grad an Fiktion und Wahrheit der einen oder anderen Episode bin ich mir nicht ganz im Klaren, und habe das auch durch die eine oder andere Formulierung ("soll", "sei") vermerkt. In dem Artikel habe ich versucht, soweit es geht, am faktischen dran zu bleiben.
Die Herkunft
Die Familie meiner Mutter väterlicherseits stammt aus dem Gebiet Pontos, von den Hängen des Berges "Golip" (vermutlich Cholat -Χολάτ), südlich der Stadt Trapezunt (türkisch: Trabzon) an der Südküste des Schwarzen Meers.
Der Pontus umfasst einen schmalen Küstenstreifen, mit Städten wie Trabzon am Meer, dahinter recht bald hohe Berge (3200m), mit Tälern, Almen, Flüßen, Hochebenen und Gipfeln. Eine Bergwelt - mit mildem Klima und alles andere als mediterran.
Es ist dieselbe Küste, an der die 10.000 des Xenophon 401 v. Chr. nach ihrem langen Rückzug durch das Perserreich das Meer erblickten – derselbe Landstrich in dem unsere Vorfahren zweieinhalb Jahrtausende später lebten, ohne dass sich an der Lage etwas geändert hätte; ein Küstenstreifen, dahinter hohe Berge, und jenseits der Berge ein Reich, das nicht das ihre war.
Das Dorf selbst war wohl klein, seine Bewohner überwiegend orthodoxe Griechen, die seit Generationen mit ihren muslimischen Nachbarn lebten – man teilte Feste, kannte die Feiertage des jeweils anderen, und der Ruf des Muezzin war ebenso vertraut wie das Läuten der Dorfkirche. Diese Koexistenz, so brüchig sie sich im Rückblick erweisen sollte, war über Jahrhunderte gewachsen und wurde von den Menschen, die darin lebten, als Normalität empfunden.
Meine Urgroßmutter Anastasia (Anna)

Meine Urgroßmutter Anna wurde um 1890 in diesem Dorf geboren, als Tochter der Eleni, einer früh verwitweten Stuhlflechterin. Der Vater war in einem Krieg mit dem russischen Reich gefallen als Anna noch ein Kind war, ohne dass sich das genauer datieren ließe.
Anna wuchs auf mit einem Bruder (Lazaros oder Giorgos?) und einer Schwester (Avgi) auf. In den Erinnerungen meiner Mutter soll der Bruder der zum Studium ins ferne Petropolis (das heutige St. Petersburg?) geschickt worden sein – eine für pontosgriechische Familien nicht ungewöhnliche Entscheidung, denn über den Seeweg und den gemeinsamen orthodoxen Glauben bestanden alte Verbindungen nach Russland, und ein Sohn dort war zugleich dem Zugriff der osmanischen Rekrutierung entzogen. Ihre Schwester Avgi soll ebenfalls in einem russischen Haushalt in derselben Stadt gearbeitet haben. Der Ertrag aus Elenis, Annas und Avgis Arbeit, soll seine Ausbildung finanziert haben – ein Umstand, der das ganze Leben der Familie in jenen Jahren geprägt haben muss.
Im Herbst 1899, im Alter von sechzehn Jahren, wurde Anna vom Markt Platz in „Kutun“ entführt – von Dimitris Vasilliadou, dem Besitzer eines Gutshofs bei der Kleinstadt "Burun". Die Praxis der Brautentführung war in der Region kein Einzelfall; sie war Teil eines Ehrmechanismus, der Frauen in eine ausweglose Lage brachte: Eine Nacht außerhalb des Elternhauses, in Gesellschaft eines fremden Mannes, genügte, um eine junge Frau für jede andere Verbindung als unehrenhaft gelten zu lassen, unabhängig davon, was tatsächlich geschehen war. Die Heirat – vollzogen am 15. August 1901, dem Fest Mariä Entschlafung – war der einzige offene Weg zu einem ehrbaren Leben.
Anna und Dimitrios bekamen zwischen 1902 und 1924 sieben Kinder – sechs Söhne Giannis, Lazaros, Nikos (den späteren Vater meiner Mutter), Anestis, Chrysanthos (den jüngeren und den älteren) – und eine Tochter, Evropi.
Der Bevölkerungsaustausch - Verlust der Heimat
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem griechisch-türkischen Krieg, der 1922 mit der militärischen Niederlage Griechenlands endete und als "Kleinasiatische Katastrophe" bekannt ist, wurde zwischen der neugegründeten Türkei und Griechenland im Vertrag von Lausanne (24. Juli 1923) ein Bevölkerungsaustausch vereinbart: Die muslimische Bevölkerung Griechenlands sollte in die Türkei, die orthodoxen Christen griechischer Abstammung aus der Türkei nach Griechenland umgesiedelt werden.
Diesem Vertrag war eine jahrelange, zunehmend gewaltsame Verfolgung vorausgegangen: Seit 1919 zogen bewaffnete, oft nur lose der neuen türkischen Führung unterstellte Verbände durch die pontische Region und richteten sich gezielt gegen die orthodoxe Bevölkerung – eine Gewalt, die in der Geschichtsschreibung heute als Teil des Genozids an den Pontosgriechen behandelt wird und der nach vorsichtigen Schätzungen mehrere hunderttausend Menschen zum Opfer fielen.
Die Nachrichtenlage zu der Zeit war oft sehr dünn, Gerüchte und Informationen sind wohl auch in die Bergdörfer gelangt. Dimitris soll nach Trapezunt geritten sein, um sich in der griechischen Gesandtschaft nach dem Stand der Dinge zu erkundigen – und soll dort erfahren haben, dass die Pläne zur Aussiedlung der Griechen bereits als beschlossene Sache galten, noch ehe sie amtlich verkündet wurden. Dieses abgeschnitten Sein von Nachrichten ist für uns heutzutage schwer vorstellbar, in der Bergregion des Pontus in den zwanziger Jahren aber durchaus plausibel.
Kurz darauf, im Januar 1922 wurde das Gutshaus von einer bewaffneten Gruppe überfallen. Eleni, die Mutter meiner Urgroßmutter, Dimitris' Mutter Olga, und viele Bewohner sollen ermordet worden sein. Dimitris selbst wurde verschleppt und soll in einem "Turm von Rakos" gefangen gehalten worden sein; es soll gelungen sein ihn zu befreien. Dieser Teil der Erzählung ist etwas sehr abenteuerlich.
Die Lage des Gutshofes
Das Gut der Familie Vassilidaou war wohl ein bemerkenswerter Ort: ein von Mauern umgebenes Anwesen, auf dem orthodoxe, muslimische, armenische, russische und kurdische Familien zusammen wirtschafteten, jede Familie mit eigenem Glauben, unter dem Dach eines gemeinsamen Auskommens, das Dimitris' Großvater begründet und sein Vater fortgeführt hatte. Die Familie hat über Generationen hinweg die Erträge ihrer Arbeit kumulieren können, sie waren wohlhabend. Land war in der präindustriellen Phase das elementare Produktionsmittel.
Die genaue Lage bleibt unklar. Die von meiner Mutter verwendeten Namen "Golip", „Burun", „Kutun" gibt und gab es so nicht.
Aber :
"Kutun" und "Burun" sind keine bekannten eigenständigen Orte, sondern beschreiben Kanten, Vorsprünge und Täler direkt an dem Bergmassiv südlich von Trabzon. Zusammen mit „Golip“ (Golat/Kolat) ergibt sich daraus ein Bild der Geografie:
1. Burun (Der Bergrücken / Die Nase): Das Wort "Burun" bedeutet im Türkischen wörtlich „Nase“.
- In der Geografie der Trabzon-Berge wird dieser Begriff für einen sehr steilen, markanten Felsvorsprung oder eine Bergkante benutzt.
- Wenn man von Trabzon aus in Richtung des Kolat-Gebirges und des Sümela-Klosters schaut, gibt es mehrere berühmte Bergkanten, die historisch [Name] Burun (wie z.B. Çatalburun oder Sivriburun) genannt werden.
2. Kutun (Das Tal / Der Pass): Der Name Kutun (Kouton oder Koton geschrieben) führt in die Gegend südlich von Trabzon.
- Es ist der alte Name für einen Gebirgspass und eine Festung (Kutun Kalesi) in der Region Maçka / Gümüşhane (Griechisch Ματσούκα /Matzouka) , direkt an den Hängen des Kolat-Gebirges.
- Dieser Pass war historisch der wichtigste Handels- und Fluchtweg durch das Pontus-Gebirge zur Küste nach Trabzon.
- Ματσούκα/Matzouka (griechisch Ματσούκα, heute türkisch Maçka) war einer der am dichtesten griechisch besiedelten Binnenbezirke des Pontos
- Der Distrikt genoss im Osmanischen Reich eine Art kommunaler Selbstverwaltung — eigene Ältestenräte, eigene Steuerregelung —, was zum Bild eines "Herrn" passt, der „sein" Anwesen weitgehend eigenständig verwaltet. Gesprochen wurde Pontisch (Romeika), ein Dialekt mit auffällig archaischen Zügen.
- Mildes Klima, Obstbau (vor allem Walnüsse, Äpfel), Viehwirtschaft, Handwerk — und eine ausgeprägte Tradition der Arbeitsmigration nach Russland und Konstantinopel, oft mit regelmäßigen Geldrücksendungen in die Heimat.
3. Der "Turm von Rakos": In den Bergen von Maçka, gibt es wohl einen Turm von Harekodos (Harakodos, Harakos oder griechisch Charakodos). Die Quellenlage ist nicht eindeutig, aber es gibt entsprechende Quellen im Netz.
- Der Turm (oder seine Ruine) liegt im selben Talsystem von Maçka, unweit der Festung Kutun (Kudula). Er wurde auf einem strategisch günstigen Felshügel errichtet, um das Tal und die Straßen zu überwachen.
- Es soll sich um einen byzantinischen Wachturm (Phryktorie) handeln. Diese Türme waren Teil eines antiken „Alarmsystems“. Wenn Feinde aus dem Süden über das Golip/Kolat-Gebirge kamen, entzündeten die Wächter auf dem Turm ein riesiges Feuer. So wurde das Signal von Turm zu Turm bis nach Trabzon an die Küste weitergegeben, um die Stadt zu warnen.
Ein befestigter Turm an einem Gebirgspass in der Gegend von Matzouka (Heute (Maçka / Gümüşhane) an den Hängen des Kolat-Gebirges) ist plausibel. Pässe brauchten historisch Wehranlagen zur Kontrolle des Handels- und Truppenwegs zwischen Küste und Hochland — genau die Art Ort, an dem sich ein Marktflecken wie das „Kutun" hätte entwickeln können, buchstäblich in Sichtweite des Bergs „Golip".
Dann läge das Gutshaus vermutlich am Rand des Matzouka-Tals, näher an dessen östlichem oder südöstlichem Übergang zum Kolat-Massiv als im eigentlichen sehr dicht-griechischen Kerngebiet.
Die Flucht
Was mit Sicherheit folgte, war eine Flucht durch ein Land, in dem reguläre Armee und plündernde Freischärler kaum noch zu unterscheiden waren. Die Familie erreichte Tarpezunda (heute: Trabzon) , wo tausende Menschen unter freiem Himmel auf die griechischen Schiffe warteten, die sie außer Landes bringen sollten. Die Überfahrt selbst gehört zu den dunkelsten Kapiteln dieser Geschichte: überfüllte, fensterlose Laderäume, eine vierzigtägige Typhus-Quarantäne, Hunger, und der Tod zweier Kinder – der kleinen Evropi, die während der Quarantäne an Typhus starb und auf See bestattet wurde, und des Chrysanthos, der kurz nach der Landung in Kalamaria bei Thessaloniki starb.
Diese Erfahrung – Wochen der Überfahrt, Krankheit, der Verlust von Familienmitgliedern und Kindern – war unter den ankommenden Flüchtlingen keine Ausnahme, sondern, wie zeitgenössische Berichte und spätere Untersuchungen zeigen, eher die Regel. Sie prägte eine ganze Generation von Pontosgriechen, die, wie es hieß, "mit nichts als den Kleidern am Leib" ankamen, selbst wenn sie, wie Dimitris, zuvor zu den wohlhabenderen Familien ihrer Heimat gezählt hatten.
Meine Mutter erzählte mir auch, das Ihre Grossmutter alles Gold und Geld das sie retten könnten in einem Stoffgürtel um ihren Laib gewicklet mit sich führte. Bei der Landung in Griechenland sei nichts mehr übrig gewesen - diese griechischen Schiffe waren keine rein humanitäre Einrichtung.
Der Neuanfang
Wie die meisten pontosgriechischen Flüchtlingsfamilien sollten auch sie in Nord-griechenland angesiedelt werden, in Makedonien, auf Land, das durch den Weggang der muslimischen Bevölkerung im selben Bevölkerungsaustausch frei geworden war – eine Umsiedlungsidee übrigens, die, nicht ganz neu war: Bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. hatten die Spartaner den aufständischen ionischen Griechen Kleinasiens vorgeschlagen, sich im dünn besiedelten Makedonien niederzulassen, um eine direkte Konfrontation mit den Persern zu vermeiden. Die Geschichte wiederholt ihre Landkarten häufiger, als man erwarten würde.
Nach einer längeren Suche nach geeignetem Ackerland ließ sich die Familie um 1922/23 in Kitros nieder, am Fuß des Olymp, als eine der wenigen pontischen Familie im Ort.
Der Ort war alt und nicht entvölkert wie andere Landstriche Makedoniens. Mit aus eigener Hand gefertigten Lehmziegeln bauten sie ein erstes Haus; im März 1923 kam ein weiterer Sohn zur Welt, den man wieder Chrysanthos nannte, nach dem verstorbenen Kind.
Die Familie ernähre sich von Landwirtschaft tun Arbeit in den nahen Saline (Salzgewinnung aus Meerwasser). Das Leben war in den ersten Jahren nicht frei von Rückschlägen. So brachte ein Pachtvertrag über Tabakland mit dem ortsansässigen Großgrundbesitzer zunächst Hoffnung, diese wurde aber durch einen Hagelschlag zu nichte gemacht, der die gesamte Ernte vernichtete und die Familie in Schulden und Armut zurückließ – ein Rückschlag von der Art, wie ihn viele vormals wohlhabende Flüchtlingsfamilien erlebten, ehe sich ihre wirtschaftliche Lage stabilisierte.
Die Söhne der Anna heirateten in den folgenden Jahren, der Reihe nach, unter anderem n Nikos – mein Großvater mütterlicherseits –, der meine Oma Anastasia heiratete. Aus dieser Verbindung ging meine Mutter hervor, die Jahrzehnte später, in einem anderen Land und unter anderen Umständen, die Geschichte ihrer Großmutter Anna niederschrieb.
Nachbemerkung
Ich stütze mich bei alledem auf die ersten Kapitel eines romanhaften Fragmentes in dem meine Mutter die Geschichte ihrer Großmutter – meiner Urgroßmutter Anna – festgehalten hat, und auf das historische Wissen über den Genozid an den Pontosgriechen und den Bevölkerungsaustausch von 1923.
Ich habe meine Urgroßmutter kennengelernt, kannte aber als Kind die Geschichte dieser Frau nicht - und sie war meiner Welt zu dem Zeitpunkt auch schon entrückt. Manche Daten lassen sich von mir – das genaue Todesjahr des Urgroßvaters, das genaue Jahr der Ansiedlung in Kitros – nicht mehr so ganz zweifelsfrei rekonstruieren. Was bleibt, ist die Erzählung, weitergegeben von einer Generation an die nächste, bis sie schließlich niedergeschrieben wurde.