MEINE ELTERN, DIE TÜRKEI UND GRIECHENLAND
Die Herkunft
Meine Eltern stammten aus dem Gebiet Pontos, sie waren angehörige des Volksstammes der Pontion. Geographisch handelt es sich um das Gebiet um die Städte Sinope, Samsun, Giresun und Trap-zon an der Südküste des Schwarzen Meers, zwischen Bithynien und Armenien. Lexikalisch wird
'Pontos' durch den Ausdruck 'offenes, weites Meer' ins Deutsche übersetzt.
Historisch geht es um das Gebiet, das die Ionischen Griechen aus Militos, der Vaterstadt von Thales, bereits im 7. Jahrhundert vor Christus kolonisiert hatten. Aber auch um das Gebiet, in dem der so sehr die Hellenen als das Seefahrervolk charakterisierende Ausdruck "Thalatta, Thalatta' von Xenophon's Zehntausend freudig und aufatmend ausgerufen wurde (401 v.Chr.). Nach dem Fall Konstantinopels (1453) wurde auch Pontos von den Osmanen, d.h. Türken, erobert.
Der Bevölkerungsaustausch
Nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) und dem anschließenden leidvollen griechisch-türkischen Krieg, der mit einer Niederlage Griechenlands endete und in die griechische Geschichte als Kleinasiatische Katastrophe einging (1921-1922), wurde zwischen der neugegründeten Türkei und Griechenland ein Bevölkerungsaustausch (Vertrag von Lausanne, 24. Juli, 1923; Vertragspartner:
Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan, Griechenland, Türkei, Jugoslawien und Rumänien) vereinbart. Danach mußten die Mohamedaner (türkischer und griechischer Abstammung) Griechenland in die Türkei und umgekehrt die Orthodoxen Christen griechischer Abstammung aus der Türkei nach Griechenland umgesiedelt werden. Nur die Griechen in Konstantinopel bzw. Istanbul und die Mohamedaner in Thrazien's Städte Xanthi und Komotini wurden von diesem Austausch ausgesperrt und dürften bleiben.
Nach Griechenland kamen damals Griechen aus dem gesamten Gebiet der heutigen Türkei sowie aus vielen anderen Ländern: Albanien, Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien, Russland, Ukraine, Kau-kasus, Krim, Libanon, Irak, Syrien, usw. Es fand eine echte Repatriierungsbewegung von bisdahin ungeahnten Ausmaßes statt. Die Hellenen der Diaspora kehrten in das Land ihrer Vorfahren zurück.
Nach Spyros Markezinis [10] ist dies der Beginn einer neuen entscheidenden Phase der Geschichte Griechenlands, bis dahin hätte der Hellenismus Griechenlad ernährt, jetzt aber müßte Griechenland die Hellenen ernähren'.
Die überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge wurde in das griechische Makedonien und Thrazien, also Nordgriechenland angesiedelt. Makedonien wurde bereits vor dem ersten Weltkrieg, nach der Befreiung von der osmanischen Okkupation, unter Griechen, Bulgaren und Serben in drei Teile geteilt worden (I. und II. Balkankrieg, 1912-1913). Auch Thrazien wurde später zwischen Griechen, Türken und Bulgaren in drei Teile geteilt.
Die Idee, die Griechen aus Kleinasien nach Makedonien umzusiedeln, war allerdings nicht neu, sie war ca. 2500 Jahre alt! Als nämlich im sechsten Jahrhundert v. Chr. die Ionischen Städte gegen die persische Besatzung revoltierten und dazu die Mutterlandsgriechen (Metropolen) um Unterstüzung baten, schlugen die Spartaner vor, die Griechen aus Kleinasien in das dünn besiedelte Makedonien umzusiedeln. Damit sollte eine direkte Konfrontation der Griechen mit den Persern vermieden werden...
Der Exodus der Griechen, wie auch der Armenier, aus dem multinationalen Osmanischen Reich, hatte allerdings früher begonnen. Nach Erzählungen meiner Großmutter Anastassia dürfte ich entfernte Verwandte in Frankreich, Rußland und Amerika haben. Sie hatten das Osmanische Reich um die Jahrhundertwende verlassen.
Mein Eltern und Familie
Meine Mutter, Magdalena, und mein Vater, Eleftherios, kamen getrennt in den Jahren 1922-1923 nach Griechenland, sie mußten ihre jeweiligen Geburtsorte in Pontos zwangsweise verlassen. _Mein Vater, Eleftherios Athanassiou, Sohn von Myrodis Athanasan, wurde 1907 in Tzevislik (Cevialik?)bei Trapzon geboren und in Kalamon, Griechenland, im Januar 1991 gestorben. Meine Mutter, Magdalena Athanassiou, geborene Foundoglou, wurde 1912 in Tsarsampa (Carsanba?) (alt-griechisch: Themiskyra, →> Hauptstadt des Amazonenreiches) bei Samsun geboren und in Kalamon im Oktober 1979 gestorben.
Hierbei sind die Geburtsangaben als 'ca. Angaben' zu betrachten. Ihr Alter und damit ihre Geburtsdatumsangaben wurden, als sie nach Griechenland kamen, von den griechischen Behörden geschätzt. Aus der Zeit in Kleinasien gab es keine Dokumente.


Mein Vater
Mein Vater konnte in seinem Geburtsort noch die Griechsche Schule ein Jahr lang besuchen, weshalb er lesen und ein wenig schreiben konnte. Meine Mutter hat weder schreiben noch lesen gel-ernt. Unvorstellbar groß muß wohl deshalb der Wunsch von beiden gewesen sein, daß ihre Kinder schreiben und lesen lernten.
Nach Erzählungen meines Vaters wurden in den Jahren 1922 und 1923 seine Mutter, sein jüngerer Bruder und seine jüngere Schwester auf eine barbarische Art umgebracht. Sie und andere Griechen sammelten sich in der Christlichen Kirche ihrer Gemeinde. Sie taten dies, um sich vor den plündernden osmanischen Soldaten zu retten... Dies errinnert mich an diejenigen Athener, die sich um 480 BC, nach einem Spruch des delphischen Orakels, im 'hölzernen Wall' der Akropolis einschloßen, um sich von den Persern zu retten aber bekanntlich alle lebend im Feuer umkamen. Allerdings wurde mir von meine Schwester Eleni gesagt, daß nach ihrer Auffassung unsere Großmutter Anna, Onkel Panagiotis und Tante Eleni verschleppt wurden.
Die osmanische Führungsschicht soll, nach Dimitris Kitsikis, meistens das kirchliche Asyl respektiert haben. Nun nach der Auflösung des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges (1918) und bis zur Konsolidierung der neugründeten Republik Türkei (1923) terrorisierten Banden von führungslosen Soldaten (über eine halbe Million!) das Land, und speziell die griechische Bevölkerung. Eines der größten Verdienste des aus Thessaloniki stammenden Moustafa Kemal Atatürk, des Gründers der modernen Türkei, soll ja die Auflösung dieser Banden bzw. deren Integration in das gesetztliche Heer sein. Atatürk soll sich als einen Landsmann vom Alexander den Großen betrachtet haben und sehr stolz darauf gewesen sein. Bei seinem Tode, 1938, hatten die Griechen Konstantinopels einen guten Freund verloren (TV Programm: Die Mauer lebt). Atatürk hatte sie fair behandelt, was nicht immer von seinen Nachfolgern gesagt werden kann.
Mein Vater konnte den ethnischen Säuberungen überleben, weil ein türkischer Nachbar ihn monate-lang, bis das schlimmste vorbei war, in seinem Haus versteckt hielt. Anschließend brachte er ihn zum Hafen, wo die griechischen Schiffe auf die noch lebenden Griechen warteten, um sie naach Griechenland zu bringen.
Mein Großvater, nach dem ich genannt wurde, wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges (1914) in die Osmanische Armee eingezogen und an die russische Front geschickt. Er war Brückenbauer von Beruf, eine Art Ingenieur. Am Ende des Krieges (1918) kam er allerdigs nicht mehr nach Hause zurück, er gehört zu den verschollenen. Mein Vater wußte nicht was mit ihm geschah, er nahm an, daß er für das Osmanische Reich gefallen wäre.
Meine Mutter - Magdalena Athanassiou
Meine Mutter, Tochter von Anastassia und Johannes Foundoglou, kam nach Griechenland nur mit ihrer Mutter, also meine Großmutter, und ihrer um zwei Jahre älter Schwester, Parthena.
Meine Mutter war sehr fleißig und dominierend, sie führte die Kasse -dies ist immernoch üblich in vielen griechischen Familien-, sie kaufte alles was die Familie zum Essen und Trinken benötigte. Allerdings wurde alles während des Abendessens besprochen und entschieden, wir Kinder dürften auch unsere Meinung aussprechen. Ich kann mich nicht erinnern sie jemals lachen gesehen zu haben.
Sie sprach nie negative über andere Leute -und überhaupt es wurde kaum über fremde Leute geredet-. Sie hatte sich aber einmal energisch dagegen gewährt, als ein Besucher aus dem benachbarten Städtchen Doxato, nach griechischer Sitte, sie mit derfeminisierten Version des Namens meines Vaters, also Kyria Eleftherina, ansprach. In sehr kritischen Zeiten meines Lebens hat sie mir enorm geholten. Um mein Studium zu beenden brachte ich ihr im Februar 1966 meinen nur 15 Monate alten Sohn. Meine Frau holte ihn im April 1967 ab. Wir haben ihr in der Zeit keine finanzielle Unterstützung zukommen lassen, wir, d.h. meine Frau und ich, hatten selbst zu wenig. Im
Sommer 1967 kam sie zu uns nach München, um auf unsere zwei Kinder aufzupassen. Sie wurde krank, der Arzt empfahl mir sie nach Griechenland zu schicken. Das Geld für die Rückfahrt lieh ich mir von meinem Vetter P.P. Als sie im Oktober 1979 an einer nicht eindeutig diagnostizierten Krankheit starb, sagte mir mein Cousin Kyriakos .G., sie hätte für ihn mehr getan als seine Mutter. Meine Cousine Despina .P. sagte mir, daß sie als Mädchen mehr Angst von ihr als von ihrer eigenen Mutter gehabt hätte, meine Tante Parthena. Sie hat mich nur ein einziges Mal gehauen, ich befürchte, ich habe dies ihr als Kind nicht verziehen können. Wir haben uns nie gestritten. Sie ging zur Kirche so oft sie konnte mehr im Winter und weniger im Sommer. Sie pflegte soziale Kontakte, achtete auf Sitten und Gebräuche. Sie hat keinen Bettler des Hauses verwiesen.
Meine Großmutter Anastassia
Meine Großmutter, die zwar kaum Griechisch sprach und weder schreiben noch lesen konnte, mir aber die Griechische Mythologie schon im Vorschulalter auf eine sehr pädagogische Art beibrachte - eine wohl urhellenische Tradition fortsetzend-, erreichte Griechenland ohne meinen Großvater, Johannes, und ihrem Sohn, meinen Onkel Lazaros. Mein Großvater Johannes hatte drei Brüder (Konstantin, Stavros und Dimitrios) und übte mit ihnen viele Berufe, wie z.B. Häuserbauen, Tischler, Schreiner, u.s.w., aus. Was mit meinem Großvater Johannes und meinen Onkel geschehen ist, haben wir nicht gewußt. Sie sind verschollen. Mit meiner Großmutter und mit meiner Tante Parthena habe ich mich meistens auf türkisch unterhalten. Ich habe sie beide sehr gern gehabt.
Wenn ich über meine Großmutter und Eltern berichte, dann sollte ich nicht unerwähnt lassen, daß ihnen die Reinkarnation der Phsyche nicht unbekannt war. Wie stark sie daran glaubten ist mirallerdings nicht bekannt. Ich erinnere mich, daß am Neujahrstag mein Vater das jüngste Tier aus dem Stall ins Wohnzimmer brachte, bevor irgndein (unreinerer!) Nachbar ins Hause
Onkel Kyriakos Grammatikopoulos
Auf Veranlassung meines Vaters konnte sein Vetter, also mein Onkel, K. Grammatikopoulos mit seiner Familie im Jahre 1938 aus Rußland nach Griechenland, zu uns kommen. Statt nach Griechenland gingen damals (1919-1923) viele Griechen in das noch christliche Rußland, obwohl dort die Kommunisten, mit Wladimir Lenin an die Spitze, bereits an die Macht gekommen waren und KemalAtatürk in seinem Kampf gegen Griechenland militärisch unterstützten. Dieser Onkel sprach neben Türkisch auch noch Russisch und Französisch. Er hatte in Trapzon die Griechische Schule -die auch mein Vater besucht hatte- vier Jahre lang besucht. Er war etwas älter als mein Vater, las gerne Zeitungen, Bücher und vor allem konnte er Kranken (Menschen wie Tiere) vom Bösen Blick befreien bzw. heilen. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er mir die Finsternisse von Sonne und Mond, als ich zur Volksschule ging, erklärt. Offensichtlich stellte diese Griechische Schule, welche den Namen Hellenikon Scholeion trug, sehr hohe Ansprüche an seine Schüler. Ab wann diese Schule in Trapzon tätig war ist mir nicht bekannt, wahrscheinlich nach den Reformen Mitte des 19. Jahrhunderts, woden Griechen mehr Rechte eingeräumt wurden.
Mein Onkel und mein Vater haben sich immer gutverstanden. Erwähnen sollte ich auch, daß mein Onkel mir die Kunst des Heilens vom Bösen Blick beizubringen angeboten hatte. Die Kunst darf nur an eine Person weitergegeben werden. Leider starb er während meines Aufenthalts in Deutschland, ich habe also diese Kunst nicht gelernt. Sein Geist würde eines Tages mich erreichen; sagte mir ein Freund, der sich mit Grenzgebieten befaßt, ch hoffe er würde recht haben.
Vertreibung
Ewige Feindschaft?
Trotz dieser bitteren Lebenserfahrungen meiner Eltern und meiner Großmutter, die wohl alle Heimatvertriebenen Völker machen, habe ich niemals irgendetwas Negatives über die Türken von ihnen gehört. Ich erzähle wahrscheinlich nichts neues, wenn ich sage, daß sie keine besondre Probleme mit ihren türkischen Nachbarn hatten. Wenn es stimmen sollte, daß zwischen Griechen und Türken eine ewige Feindschaft besteht, wie dies hier Zulande öffters behauptet wird, dann hätten meine Eltern dies mir weiter vermittelt, oder? Daß diese Behauptung der ewigen Feindschaft zwischen den beiden Völkern nicht stimmt, habe ich durch meine viele persönliche Kontakte mit Türkischen Studenten und Gastarbeitern festgestellt. Daß unbesonnene Menschen auf beiden Seiten leider gegeben hat, ist zu bedauern und darf nicht verschwiegen werden, aber die Taten von Fanatikern und Verbrechern zu verallgemeinern und zum Verhalten eines ganzen Volkes zu stillisieren, dürfte wohl völlig falsch´sein.
Mein Vater und meine Großmutter haben aber um ihre Lieben, so weit ich mich erinnern kann, d.h. Jahrzehnte lang, leise aber bitter geweint. Die so schrecklichen Erreignissen in Bosnien-Herzegovina während der 90iger Jahre haben bildlich auch das dokumentiert, was damals vor ca. 75 Jahren in Kleinasien geschah.
Von meinen Eltern und Verwandten habe ich also keinen Haß gegen die Türken geerbt. In der Schule wurde, glaube ich, mehr über die Bulgaren geschimpft als über die Türken. Jedoch. Während der Zypernkrise im Sommer 1974 traf ich den damaligen Außenminister Griechenlands, Herrn Georg Mavros, in Bonn, bei seinem offiziellen Deutschlandbesuch. Mir fiel auf, wie sehr der Mann verbittert und voll von Haß war. Erst im Jahre 1989 beim Besuch der Westminster Abbey, in London, ging mir ein Licht auf. Während unser englische Reisebegleiter die Geschichte der Kirche erzählte, dachte ich an die, für die Griechen, Kirche der Kirchen: Hagia Sophia. Die Männer aus Turkmenis-tan, die im 12. Jahrhundert nach Westen kamen, und schließlich im Jahre 1453 Konstantinopel eroberten, haben uns Griechen unserer byzantinischen, historischen und religiösen Vergangenheit beraubt. Die griechischen Intellektuellen (aber auch die Serben, die Bulgaren, die Rumänen und sogar die Araber und Ägypter) werden wohl die irreversiblen Untaten des Osmanischen Reiches nie vergessen, und leider auch nicht verzeihen können. Dabei sollen die Kreuzritter aus Europa, als sie Konstantinopel eroberten, und den Niedergang des Reiches einleiteten, unbeschreibliche Schandtaten auf dem Altar der Hagia Sophia begangen haben.
Mit der Unterschreibung des Vertrags zum Völkeraustausch hat Griechenland auf sein Byzantinisches Erbe verzichtet. Die Türken sind die Haupterben des Osmanischen Reiches geworden, sowie die Griechen 1700 Jahre davor die Haupterben des Oströmischen Reiches waren.
Nach den Verschollenen konnte nicht gesucht werden
Dieser Völkeraustausch, mit vielen Toten und unsagbarer Zörstörung, fand zweifellos auf Kosten dieser Menschen und ihren Nachkommen statt. Sie wurden damals bestimmt nicht gefragt (keine Volksabstimmung!).
Als ich im Sommer 1960 in Griechenland bei meinen Eltern zu Ferien war, bat mich eine Großtante-mütterlicherseits- nach ihrem verschollenen Sohn über das Deutsche Rote Kreuz zu suchen. Sie wurde damals, also 1923, gezwungen ihr Baby gewickelt liegen zu lassen, weil es durch sein Geschrei das Versteck der verfolgten Landsleuten den Türkischen Verfolgern verraten würde. Viele unschuldige Babies wurden damals auch von den eigenen Eltern getötet, um ja nicht durch ihr Hungersgeschrei die ganze Gruppe zu verraten. Ich muß damals, also im Sommer 1960, den Schmerz meiner Großtante offensichtlich nicht verstanden haben, sonst hätte ich mit Sicherheit etwas unternommen gehabt.
Pontioi, welche in Pontos ihre Geburtsorte als Touristen in den fünfziger Jahren besuchten, machten sowohl positive als auch negative Erfahrungen. Manche von ihnen sind z.B. als 'Schatzsuchende' von den Türken betrachtet worden und haben entsprechende Behandlung und zwar nicht nur von den offiziellen türkischen Stellen sondern auch von Abenteurern erfahren.
In den sechziger Jahren besuchte ein Mann aus Kalamon seinen Geburtsort in Pontos. Dabei wurde er von vielen Menschen herzlich eingeladen und bewirtet. Aber erst nach einer langen Phase der Familiarisierung teilten ihm seine türkische Gastgeber mit, daß sie wohl griechischer Abstammung seien, dürfen aber dies nicht öffentlich zugeben.
Die Türkei muß also nicht nur das bekannte Problem mit den Kurden haben. Sie muß noch mehr Probleme mit anderen Minderheiten haben! Ich wünsche nicht, daß eines Tages die Türkei dasgleiche Schicksal ereilen wird wie Jugoslavien in unseren Tagen.
Aufnahme der Flüchtlinge im Mutterland
Die Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich bzw. der gerade gegründeten Türkei, ca. 1.500.000Menschen, brachten das kleine und stark geschwächte Griechenland (Makedonische Kriege, Bal-kankriege, Erster Wltkrieg, Griechisch-Türkischer Krieg) in große Schwierigkeiten. Trotzdem gilt dieEingliederung bzw. die Integration der Flüchtlinge aus Kleinasien und Ost-Thrazien in Griechenland als vorbildlich. Dies wurde mir von Prof. Dr. Meister, als ich bei ihm meine Diplomvorprüfung inTheoretischer Physik, an der Uni-München, ablegte. Er sei Mitglied einer Komission zur Eingliederung der aus den Ostdeutschen Gebieten vertriebenen Deutschen gewesen, und im Rahmen dieser seiner Tätigkeit habe er sich auch damit befaßt, wie denn die Griechen, wo im Mutterland nur 4,5 Millionen Menschen lebten, die Flüchtlinge aus Kleinasien, mehr als 1,5 Millionen, aufgenommen und integriert hätten. Dies sei eine großartige und beispielhafte Leistung des Griechischen Volkes gewesen.
Union zwischen Griechenland und der Türkei, eine Utopie?
Der Völkeraustausch zwischen Griechenland und der Türkei wurde von Kemal Atatürk und Eleftherios Venizelos vereinbart. Beide Männer besaßen hohes Ansehen in ihren Völkern, zumindest in einem großen Teil von Ihnen, so daß diese Vereinbarungen allgemein akzeptiert wurden. Diese weitblickende Männer hatten wohl eingesehen, daß es keine Alternative zum friedlichen Nebeneinander gibt und waren dabei sich gründlich zu versöhnen. Im Jahre 1928 versuchten sie eine Union, einen Föderativen Staat aus beiden Ländern zu gründen: Die Ägais sollte nicht das trennende sondern das verbindende Meer werden. Die Idee hatte in beiden Ländern Gegner sowie Befürworter.

Kalamon
Die Sprachenvielfalt
Meine Großmutter Anastassia, meine Tante Parthena und meine Mutter sprachen Türkisch, etwas Griechisch und höchswahrscheinlich Pontiaka. Griechisch hat meine Mutter allerdings in Kalamon von uns, also von ihren Kindern, gelernt. Mein Vater dagegen sprach neben Pontiaka auch Griechisch und Türkisch. Ich, aber auch viele andere Dorfskinder, sowie meine Schwester Eleni und meine beiden Brüder Lazaros und Georgios sind mehrsprachig aufgewachsen. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich mich mit meiner Großmutter jemals auf Griechisch unterhalten habe. Den Trojanischen Krieg und viele andere Griechische Geschichten muß sie mir auf türkisch erzählt haben. Seit Ende der Fünfziger wird in Kalamon nur noch griechisch gesprochen, hier und dort etwas Pontiaka, ürkisch wird kaum noch gehört, und wenn dann die Schimpfwörter. Auch ich habe fast alles vergessen.
Höchstwahrscheinlich wird aber auch noch 'Sarakatsanika' von einer Gruppe von Leuten gesprochen, welche sich mehr mit Schaffen als mit Agrarwirtschft befaßten.
Diese Sprachenvielfalt hatte aüßerst unangenehme Auswirkungen auf mein Griechisch während ichdas Gymnasium in Doxato besuchte. Darüber, aber auch über das echt heroische Städtchen Doxato, wo ich das Humanistische Gymnasium besuchte, möchte ich später berichten.
Wo ist Kalamon?
Meine Eltern haben sich wohl in Kalamon kennengelernt. Kalamon war die Endstation einer mehrjährigen Odyssee durch die Türkei, das Schwarze Meer, die Ägäis und Griechenland (Athen, Nafplion, usw.). Geheiratet haben sie im Jahre 1930.
Kalamon ist ein modernes aber armes Dorf in Ostmakedonien, es hat nie mehr als 1000 Einwohner gehabt. Es dürfte kaum eine Familie geben, die keine Mitglieder nach Deutschland geschickt hätte. Viele von ihnen leben immer noch in Deutschland, bereits in der dritten Generation. Kalamon befindet sich ca. 20 km von der Stadt Drama und ca. 25 km von der Hafenstadt der Ägäis Kavala entfernt.
In ca. 15 km Entfernung in östlicher Richtung, also Richtung Kavala, befindet sich der historische Ort Philippoi. Hier auf der Ebene von Philippoi wurde der römische Bürgerkrieg im Oktober des Jahres 42 v.Chr. entschieden: Die Armeen von Antonius und Oktavian besiegten die von Brutus und Cassius. Und hier hat der Apostel Paul die erste Europäerin, Lydia, zum Christentum bekehrt, hier wurde er verhaftet und eingesperrt. Im gut erhaltenen antiken Theater von Philippoi finden jährlich in den Monaten Juli und August Aufführungen von Werken von altgriechischen. Klassikern statt.

Kalamon ist umgeben von drei Gebirgsketten: Nach Süden vom Pangaion, nach Osten vom Symbolon und nach Nord-Westen von Falakron. Das Gold von Pangaion hatte schon Philipp Il ausgeschöpft.
Das Klima von Kalamon ist als kontinental zu bezeichnen, d.h. der Winter ist kalt und der Sommer ist warm. Das Eindringen der frischen Meersluft, die Ägäis liegt nur ca. 25 km entfernt, wird durch die Gebirgsketten Symbolon und Pangaion verhindert. Die Lebensgrundlage der Bewohner ist Viehzucht, Milchprodukte, Maisanbau, Tomaten, Gurken, Paprika und Baumwolle. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren erzeugte der Ort noch sehr viel Haselnüsse, die besten Griechenlands. Durch die Monokultur aber (vielleicht gab es auch andere Gründe) sind alle Haselnussbäume in den achziger Jahren ausgestorben.
Die Diktatur von Ioannis Metaxas
Die überwiegende Mehrheit der griechischen Flüchtlinge unterstützten Eleftherios Venizelos und seine Liberale Partei. Als im August 1936 (der nicht-liberale) General Ioannis Metaxas (zusammen mit dem König Georgios II) eine Diktatur in Griechenland errichtete -damals gab es in Europa fast nur noch Diktaturen-, gehörte mein Vater zu denen, die von Kalamon aus nach Drama marschierten, um die Demokratie zu retten. Sie alle wurden von der Armee verhaftet und nur in Unterhose nach Kalamon geschickt. Er hat sich aber niemals negativ über die Metaxas-Diktatur geäußert. Die Bauern von Kalamon hatten offensichtlich positive Erinnerungen an die Metaxaszeit. Während seiner Regierungszeitt wurden die Moorgebiete in der Ebene von Drama-Kavala trockengelegt, wovon die Bauern enorm profitierten. So hatte z.B. mein Vater in den vier Jahren der Metaxas-Diktatur ein Haus, eine Scheune und einen Kuhstall sich gebaut. Der 2. Weltkrieg stoppte jede weitere positive Entwicklung. Die Bulgaren, die mit den Deutschen ins Dorf kamen, haben die Menschen für das bulgarische Großreich arbeiten lassen!
Auch Panagiotis Kanellopoulos und Georgios Rallis verurteilen General Ioannis Metaxas nicht. Die Errichtung der Dikatur wird verurteilt, aber die Person des Generals selbst wird verschont. General Metaxas gehörte zu den großen Gestalten Griechenlands in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts.
Die Invasion Griechenlands in die Türkei hatte er, nach Dimitrios Kitsikis, Vergleichende Geschichte Griechenlands und der Türkei im zwanzigsten Jahrhundert, als einen kolonialen Krieg bezeichnet und verurteilt. Durch sein historisches Nein an Moussolini am 28.10.1940 wurden ihm, glaube ich, alle'Fehler' verziehen.
Darf man die Menschen verurteilen?
Offensichtlich ist es ein offenes Geheimnis, daß man wohl über die Taten von Menschen urteilen aber nicht über die Menschen selbt. Die Sünde nicht den Sünder sollten wir Christen, wenn es nach Christi Wort geschehen sollte, verurteilen. Nikos Kazanzakis geht einen Schritt weiter. Er sagt, früher habe ich danach gefragt ob man Christ oder Mohamedaner sei, später fragte ich ob man Grieche oder Nichtgrieche sei, dann fragte ich ob man gut oder schlecht sei, jetzt frage ich nicht mehr. Diese Ansicht von Nikos Kazantzakis findet ihren Niederschlag im Triptichon, das auf seinem mGrabstein gemeisselt ist: Ich erwarte nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei.
Zweiter Weltkrieg: Widerstand Ja oder Nein?
Zu Beginn des Ersten Wltkrieges, bzw. bei der Generalmobilmachung des Jahres 1940, wurde mein Vater eingezogen. Er kämpfte gegen die angreiffende Armeen aus Deutschland an der griechisch-bulgarische Grenze im April 1941. Als es feststand, daß der Einmarsch der vereinigten
Streitkräfte aus Deutschland und Bulgarien nicht gestoppt werden kann, wurde er (und andereVäter) von seinem Offizier nach Hause geschickt. Der Offizier meinte, der Kampf gegen die Besatzer könne nur im Widerstand, und zwar nur mit freiwilligen, unverheirateten jungen Männern fortgesetzt werden.
Während der Besatzungszeit (April 1941 - November 1944) wurden Ost-Makedonien sowie der größte Teil Thraziens von Bulgarien besetzt, die Deutschen hatten diese Gebiete ihren bulgarischen Verbündeten überlassen. Griechenland wurde damals von den Deutschen in drei Teile geteilt (Charakteristikum aller Sieger!), sogar die von den Griechen besiegte Armee von Moussolini und ihr eVerbündete Albaner bekamen einen großen Teil Westgriechenlands, d.h. Epirus. Diese Politik dernationalsozialistischen Führung konnte selbst von ihren faschistischen Freunde in Griechenland nicht verstanden bzw. gebilligt werden. Die Stadtbewohner, hauptsächlich die Athener, haben im Winter 1941/42 durch den Ausfall der Agrarprodukte aus Thrazien/Ostmakedonien (die Bulgaren konfis-zierten alles) enorm gelitten, über einhunderttausend Menschen sind am Hunger gestorben!
Mein Vater wurde, zusammen mit vielen anderen Männern des Dorfes, als Geisel zweimal zu je sechsmonatiger Zwangsarbeit nach Bulgarien gebracht. Er kam gesund zurück und brachte uns sogar Geschenke (Mundharmonika, Flötte, usw.) mit. Es ist mir nicht bekannt, daß mein Vater an irgendeine Aktion gegen die bulgarischen Besatzer aktiv beteiligt war, wie dies andere Dorfbewohner getan hatten. Übrigens hat sich auch Nikos Kazanzakis vom aktiven Widerstand gegen die Deutschen ferngehalten und später dafür scharfe Kritik von den Widerstandskämpfern geerntet.
Allerdings haben etliche Männer aus Kalamon am Widerstand sowohl gegen die Deutschen als auch gegen die Bulgaren teilgenommen. Es waren, glaube ich, Männer aus Kalamon, die einen fehlgeschlagenen Aufstand gegen die bulgarische Besatzung organisierten, dem viele Bauern, insbesondere aus Doxato, zum Opfer fielen.
Bürgerkrieg (1947-1949)
Als mein Vater von seinem älteren Vetter, Kyriakos Grammatikopoulos, von seinem Schwager, Kyriakos Papadopoulos - Ehemann meiner Tante Parthena-, und vom Kapetan-Isaak Papadopoulos aufgefordert wurde, beim griechischen Bürgerkrieg auf der Seite der Demokraten (besser: der Monarchisten) gegen die Kommunisten mitzukämpfen, hatte er es entschieden abgelehnt. Dieses Gespräch, besser Streitgespräch, der vier Männer fand in unserem Haus statt, ich muß damals ca. acht Jahre alt gewesen sein, erinnere mich aber daran immernoch sehr gut. Mein Vater lehnte seine Teilnahme sinngemäß in folgender Weise ab: Er hätte gegen die Deutschen und Bulgaren gekämpft, würde aber nie eine Waffe gegen seine Lendsleute richten. Meinen Onkel Kyriakos Papadopoulos warnte er nicht mitzumachen, er, d.h. mein Onkel, hätte ja nie eine militärische Ausbildung gehabt, er hätte nie eine Waffe in der Hand gehabt. Mein Onkel, der ein religiöser Mann war und in der Dorfskirche den Pfarrer während der Messe unterstützte, hörte nicht auf den Ratschlag meines Vaters, er ging, fiel im ersten Feuerwechsel, er hinterließ eine Frau, d.h. meine TanteParthena, mit fünf Kindern (Panagiotis, Jannis, Despoina, Anestis und Ilias)!
Schwierigkeiten wegen der politischen Gesinnung
Eine ganz normale Sache!
Wegen seiner liberalen Gesinnung einerseits und der Nichtteilnahme am Bürgerkrieg an der Seiteder Königstreuen Demokraten hatte mein Vater und wir alle im demokratischen Griechenland der50er und 60er Jahre gewisse Schwierigkeiten. Solche Schwierigkeiten gehörten zur Tagesordnung der griechischen politischen Realität im Nachbürgerkriegsgriechenland. Die Philosophie der Sieger des Bürgerkrieges teilte die griechische Gesselschaft in zwei Lager: Monarchisten und Kommunisten.
Die Verbannung und Diffamierung des politisch Andersdenkenden ist allerdings keine Erfindung unserer Zeit, unsere Vorfahren, die alten Griechen aber auch die Byzantiner, haben davon bekanntlich reichlich gebrauch gemacht.
Mein Vater hat kein politisches Amt bekleidet, d.h. er hat niemals für der Gemeindevorstand kandidiert, vielleicht weil er weder ein Rechter noch ein Linker war, vielleicht aber auch deshalb weil er keine Lust dazu hätte. Während meiner Zeit zu Hause (bis März 1959) haben wir uns kaum über politische Fragen unterhalten. Auf meine politisch-antidiktatorische Tätigkeit in Deutschland war allerdings mein Vater stolz. Während dieser Zeit (1967-1974) hörte er die griechischen Sendungen von BBC, vielleicht doch ein politischer Mensch?