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Die grüne Wolke

Ein Buch von A.S. Neil — Das Abenteuer der Summerhill-Kinder ...

Ein Klassiker der antiautoritären Erziehung - ich glaube wir hatten's in der Schule gelesen, aber ich bin mir nicht mehr sicher. Auf jedenfalls eine herrliche auf zwei Handlungsebenen spielende phantasievolle Abenteuergeschichte - mit Kinder in der Rolle der Helden. Ich hab's verschlungen ...


Im folgenden das Kapitel 1aus dem Buch Die grüne Wolke von A.S. Neil, dem Gründer der legendären Reformschule Summerhill in England. Neil erzählte seinen Schülern abends Geschichten — und ließ sie kommentieren

Vorgeschichte

Alle Gestalten in dieser Geschichte, außer den Summerhillianern, sind frei erfunden und haben kein Vorbild in lebenden Personen.

Schuld an dieser Geschichte ist ein Sonntagabendgespräch. «Heute Abend fällt mir keine Geschichte ein», sagte ich. «Meine Phantasie ist eingetrocknet.»«Erzähl uns doch noch so eine Geschichte von Pyecraft, dem Millionär», bat Betty. «Ich hab eine Idee für eine Geschichte», sagte Michael. «Wir sind die letzten Menschen auf der Erde. Alle sterben, bloß wir nicht.»«Und rings um uns verfaulen die Leichen», stellte David spöttisch fest. «Vielen Dank.»«Wir können sie ja beerdigen», schlug Jean vor. «Oder verbrennen», sagte Gordon. «Das wäre noch das Beste.»«Erst einmal müsste man sie alle zusammentragen», bemerkte ich. «Bei zweiundvierzig Millionen toten britischen Staatsbürgern hätten wir da allerhand zu verbrennen.»Evelyn seufzte. «Dann können wir eben nicht die letzten Menschen auf der Erde sein», meinte sie. «Mir würde es jedenfalls keinen Spaß machen, Leichen einzusammeln.»Plötzlich hatte ich eine Idee. «Wir brauchen gar keine Leichen», sagte ich. «Ich werde euch die Geschichte vom letzten Menschen auf der Erde erzählen. Sie heißt "Die grüne Wolke".»

Pyecroft

Es war ein wunderschöner Sommermorgen, und Neill hatte seine Unterrichtsstunden auf den Tennisplatz verlegt. Jean pikte ihm ihren Bleistift in die Rippen. Davon wachte er auf. «Telegramm für dich», sagte sie. Neill nahm es dem rotbackigen Telegrammboten aus der Hand. «Keine Rückantwort», sagte Neill abwesend, nachdem er das Telegramm noch einmal gelesen hatte. Dann sah er auf seine Uhr. «Himmel, er muss jeden Augenblick hier eintreffen», rief er aufgeregt. «Wer?», fragte Gordon. «Pyecraft», sagte Neill. «Er kommt mit seinem neuesten Luftschiff. Still! Ich höre das Brummen der Motoren.»«Sicher 'ne Hummel», meinte David mürrisch. Und es war auch eine Hummel. Aber zehn Minuten später kam ein silbernes Luftschiff in Sicht und landete sanft auf dem Hockeyplatz wie ein Schwan auf einem See. Alle rannten darauf zu. Der dicke Pyecraft öffnete die enge Tür, und die Kinder halfen ihm, sich herauszuzwängen. «Tadellos!», rief er. «Hallo, Neill, alter Knabe. Hallo, Kinder.»Er sah sie prüfend an. «Eine neue Generation, wie ich sehe, aber sicher mit genauso viel Flausen im Kopf wie die vorige.»

Das Luftschiff

«Warum sind Sie hergekommen?», fragte Neill. «Was führt Sie zu uns?»«Verschiedenes», sagte Pyecraft. «Ich habe es satt, immer nur Geld zu verdienen. Ich will Abenteuer erleben.»«Kannibalen», sagte Evelyn träumerisch. Pyecraft schüttelte den Kopf. «Nein, dafür sind Neill und ich jetzt schon zu alt», sagte er traurig. «Wir haben nicht mehr den nötigen Schneid. Wir beide sind alt und grau.»«Aber Sie haben doch gesagt, dass Sie Abenteuer erleben wollen», sagte Robert vorwurfsvoll. «Gibt es denn überhaupt Abenteuer ohne Kannibalen und Piraten?»«Oh, es gibt noch viele andere Abenteuer», sagte Pyecraft. «Wissenschaftliche zum Beispiel. Ich habe mir dieses Luft­ schiff extra dafür bauen lassen. Es hat mich Millionen Dollar gekostet. Ich will damit sämtliche Höhenrekorde brechen.»«Sämtliche was?», fragte Bunny. «Ich will höher hinauf als irgendeiner vor mir», erklärte Pyecraft. «Der Höhenrekord liegt jetzt bei sechzehn Kilo­ metern. Ich will ihn brechen.»

«Aber warum haben Sie das nicht in Amerika getan?», fragte Betty.«Weil ich wusste, dass mein alter Freund Neill und die Kinder hier mir gern dabei helfen würden», sagte Pyecraft, Die Kinder kreischten vor Freude. Neill lächelte gequält. «Sehr nett von Ihnen, dass Sie an uns gedacht haben, Pyecraft», sagte er. «Aber ich für mein Teil ... Ich fürchte, ich kann nicht mitkommen. Ich bin heute Nachmittag mit Watson zum Golf verabredet, und außerdem will ich unbedingt den Film mit den Marx Brothers sehen und ...»«Feigling», murmelte Evelyn empört.

Pyecraft besaß alles. Er besaß ein Luftschiff, ein riesiges gutes, mit einem leichten Aluminiumrahmen und zwei starken Motoren. Er besaß auch ein Haus in der Nähe von Summerhill, das wie ein kleines Schloss aussah. Und er besaß Zeit — die er damit verbrachte, mit den Kindern von Summerhill Abenteuer zu erleben.

Eines Morgens lud er Neill und ein Dutzend Kinder zu einem Flug ein. Gordon, David, Robert, Jean, Bunny und Evelyn drängten sich an Bord. Neill war ebenfalls dabei, obwohl er nicht besonders begeistert von der Sache war.

«Wohin fliegen wir?», fragte Robert.«Nach oben», sagte Pyecraft freundlich. «Ganz nach oben.»Und das taten sie auch.

Immer höher

«Unsere augenblickliche Flughöhe beträgt etwa drei Komma zwo Kilometer», sagte er dann. «Und wenn Robert ein richtiges Abenteuer haben will, braucht er nur auszusteigen und mit dem Fallschirm nach Summerhill hinunterzusegeln.»Robert starrte in die Tiefe.«Huiii. Und wenn er sich nicht öffnet?»«Du würdest überhaupt nichts spüren», sagte David gelassen. «Nur ein Bums.»

Plötzlich stellte Pyecraft fest, dass der Chauffeur die Fallschirme vergessen hatte. Alle erbleichten — bis auf Neill, der nicht mehr bleicher werden konnte. Aber Pyecraft versicherte, es bestehe keine Gefahr. Solange die Luft nicht dünner würde als das Helium im Ballon.

«Unsere Höhe beträgt jetzt sechzehn Kilometer», sagte Neill und setzte seine Sauerstoffmaske auf. Die anderen folgten seinem Beispiel. Plötzlich schrie Evelyn, die nach unten geblickt hatte, auf.«Kuckt mal, die Wolken da unter uns sind ganz grün. Ich dachte immer, von oben wären sie blitzweiß.»«Äußerst merkwürdig», sagte Pyecraft.

Die Katastrophe

Nach der Landung fanden sie Corkhill, den Chemielehrer, an die Eingangstür gelehnt. Als David ihn am Arm fasste — brach der Arm ab. Alle, die während des Fluges auf dem Boden geblieben waren, hatten sich in Stein verwandelt.

«Warum sind wir nicht auch zu Stein geworden?», fragte Jean plötzlich.«Ich weiß», sagte David. «Die grüne Wolke. Es muss eine Wolke gewesen sein, die jeden in Stein verwandelt hat.»

Klingt einleuchtend», nickte Pyecraft. «Augenblick mal!» Er deutete auf eine Katze, die eben um die Ecke kam. «Hier erhebt sich nur die Frage, warum die Katze nicht auch zu einer Statue geworden ist, wenn diese Wolke versteinernde Eigenschaften hatte.» 

«Und ich höre einen Hahn krähen», sagte Robert. «Was meinst du, Neill?»

Neill machte ein weises Gesicht. «Ich glaube, David hat recht. Wir waren über der Wolke, und wahrscheinlich sind wir jetzt die letzten lebenden Menschen auf der Erde. Offenbar hatte die Wolke also keinen Einfluss auf Tiere.»«

Wie gut», bemerkte Betty. «Sonst müssten wir verhunger. Die letzten lebenden Menschen auf der Erde. Schrecklich.»

«Herrlich!», sagte Evelyn. «Jetzt können wir uns alles, was wir wollen, aus den Läden holen.»

«Jawohl», rief Michael, «und die ganzen Autos und Flugzeuge und – und – Mensch, was'n Ding! Das ist ja ganz einsame Sahne ist das. Ich gehe gleich mal zu Coates.»Sie machten sich auf den Weg zu Coates Laden, und, also ...

FORTSETZUNG FOLGT IN KÜRZE

Kommentar

Ich zündete mir meine Pfeife an. «Eine gute Geschichte», sagte Bunny. «Dein Glück, Neill.»David runzelte die Stirn. «Du hast sie natürlich alle zu Stein werden lassen, damit sie nicht stinken, nicht wahr?»Ich nickte, und er fuhr fort: «Keine schlechte Idee, abercdoof.»«Wieso doof?», fragte ich. «Weil so eine Wolke doch auch Tiere versteinern würde.»«David hat recht», sagte Michael. «Mir wäre eine Geschichte lieber, die auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus richtig ist.»«Aber sie ist ja vom wissenschaftlichen Standpunkt aus richtig», sagte ich. «Wieso?»«Eine Wolke könnte Menschen durchaus etwas antun, ohne den Tieren etwas anzuhaben.»«Wieso?»«Nun», begann ich, «äh – es ist nämlich so – äh –»«Keinen Schimmer hat der Mann», sagte Michael. «Selber keinen Schimmer», sagte ich. «Denk an Masern. Kriegen Katzen Masern? Kriegen Kaninchen Kinderlähmung? Schon mal'ne Kuh mit Ziegenpeter gesehen? Wenn Tiere nicht von menschlichen Krankheiten befallen werden, warum sollte eine menschliche Wolke sie befallen?»«Aber es war ja gar keine Wolke da», sagte Evelyn. «Okay», sagte ich unerschüttert, «wenn keine Wolke da war, dann gibt's auch keine Geschichte.»Gordon grinste. «Neill ist ja nur sauer, weil wir seine Geschichte kritisieren», sagte er. «Wir wollen mal nicht so sein und ihm die Wolke durchgehen lassen.»«Eine wissenschaftlich einwandfreie arische Vollblutwolke», bat ich mir aus. Die Summerhill-Kinder nickten zustimmend, und ich versprach, die Geschichte am nächsten Sonntagabend fortzusetzen.

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